Mostly Harmless: Heute ist euer letztes Konzert von der Deutschlandtour, was waren deine persönlichen Highlights auf der Tour?

Timmy: Das ist schwer zu sagen, da das vermeintliche Highlight erst noch ins Haus steht. Aber wir haben viele tolle Sachen erlebt. Wir waren auf dem H.E.A.T Festival in Frankreich unmittelbar vor Aerosmith, dann waren wir in Afghanistan. Das war auch sehr aufregend, aufschlussreich und emotional. Wir waren in UK und in Spanien. Das Highlight an sich war das komplette Jahr. Wir haben uns im Vergleich zum Vorjahr so viel weiterentwickelt, so viele neue Sachen erlebt. Das ganze Jahr war ein surrealer Film. Es gab schon Peaks, aber ich habe das komplette Jahr als freaky Film empfunden.

 

Mostly Harmless: Und was ist schiefgelaufen in diesem Jahr?

Timmy: In Spanien ist wieder in unser Auto eingebrochen worden, wieder Laptop, iPad und Co., alles weg. Während der Mittagspause - wir waren nur was essen. Zum Glück haben sie die Backline drin gelassen. Ansonsten wie immer, Panne auf der Autobahn, Krankheit, Hardy hatte einen Bänderriss und einen halben Hörsturz. Der Hörsturz war in Spanien. Spanische Krankenhäuser kann ich nicht empfehlen.

 

Mostly Harmless: Es gibt da aber auch deutsche Ärzte.

Timmy: Ja, aber nicht da wo wir waren. Das war echt krass. Solche Sachen und dann irgendwann unterwegs diese Durststrecken, wenn man völlig am Arsch ist, keine Kraft mehr hat und muss aber noch drei bis vier Gigs machen. Aber wirklich komplett bandzerstörererische Dinge sind nicht passiert.

 

Mostly Harmless: Ist es für deutsche Rockbands, die englisch singen, schwerer wie für englische Bands in der Rockszene Fuß zu fassen?

Timmy: [überlegt], weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob es für eine amerikanische Band einfacher ist in Deutschland an den Start zu kommen, als für eine deutsche Band.

 

Mostly Harmless: Meinst du, es ist egal in welcher Sprache man singt?

Timmy: Würde ich nicht sagen, man muss in der Sprache singen, die einem liegt. Erstaunlicherweise liegt uns die englische Sprache besser, als die deutsche Sprache. Ich empfinde schon immer so, wenn ich an Rock´n´Roll denke. Dann denke ich an American Rock´n´Roll. Ich war nie ein Fan von den Toten Hosen, den Ärzten oder den Böhse Onkelz. Das hat mich alles nicht interessiert. Ich war Fan von Elvis, Jerry Lewis, B.B. King und dieser Melodie die bereits beim Sprechen entsteht. Das hat etwas sehr Eigenes, was für mich den flow von Rock´n´Roll mit kreiert. Deshalb war es für mich nie eine Frage gewesen. Wir sind vor Ort in Deutschland, wir können schnell mal eine Show in Freiburg oder ein Festival in Hamburg spielen. Das können die Newcomer aus Amerika nicht so einfach. Wir sind da einfach etwas flexibler, vor allem weil wir in der Mitte von Deutschland sind und nirgendswohin wirklich weit fahren müssen. Das sind unsere Vorteile. Natürlich habe ich es auch so empfunden, dass der Rockfan eine deutsche Band erstmal kritischer betrachtet als eine amerikanische Band. Aber das war für uns schon immer die Aufgabe, zu sagen wir dürfen das nicht zulassen, dass man das damit noch in Verbindung bringt. Wir müssen einfach so authentisch, ehrlich und gut sein, dass das nicht mehr ins Gewicht fällt. Mittlerweile ist es bereits so, dass Leute, die uns nicht kennen, uns zu 90 % für eine amerikanische Band halten. Deshalb glaube ich, dass diese Frage auf uns nicht zutrifft.

 

Mostly Harmless: Was machst du als Erstes, wenn du nach einer Tour nach Hause kommst?

Timmy: [überlegt], Duschen und raus an die Luft. Meistens setze ich mich in den Garten oder mache ein Feuer im Garten. Ich sitze gerne am Lagerfeuer im Garten und verbrenne Sachen.

 

Mostly Harmless: Aber natürlich nur Sachen die man auch verbrennen darf.

Timmy: Natürlich. Einfach die Privatsphäre genießen, eigenes Klo, eigene Dusche und das alles ausgiebig und mit Zeit. Ich versuche zu schlafen, und eine Art Meditation in Form von Stille. Das ist auf Tour das Erste was daran glauben muss, die Stille. Es ist einfach nie still. Im Hotelzimmer ist Geschnarche, im Bus der Motor, im Flugzeug auch oder im Backstage ist immer irgendwie Alarm. Also es ist nie einfach Ruhe. Das sind die Sachen die ich als erstes in Anspruche nehme, wenn ich heimkomme.

 

Mostly Harmless: Der Metal Hammer u.a. bezeichnet euch als Ausnahmeerscheinung in der deutschen Rockszene. Was geht einem durch den Kopf, wenn man solche Worte liest?

Timmy: Also das ist ja wohl das Mindeste (lacht). Ich freue mich natürlich, wenn Leute das so sehen, aber ich sehe das realistisch. Ich habe die selben Songs vor zehn Jahren hier in Wiesbaden im Irish Pub gespielt. Es hat sich nichts geändert für uns. Es sind dieselben Songs, wir sind dieselbe Band, wir machen dasselbe Ding, und wenn das Leute jetzt besser finden wie früher [lacht], dann freue ich mich darüber. Wenn sich das so entwickelt und man uns einen gewissen Status einräumt, dann finde ich das geil. Aber ich schreibe die Songs auf dieselbe Art, ich genieße jeden Gig auf dieselbe Art. Ich hatte tolle Zeiten in wirklich kleinen Spelunken und genieße jetzt die räumliche Vergrößerung. Man bekommt das Gefühl, man macht es nicht falsch.

 

Mostly Harmless: Würdest du heute noch mal im Irish Pub in Wiesbaden spielen?

Timmy: Ich mach das heimlich noch.

 

Mostly Harmless: Jetzt ist es nicht mehr heimlich 😊

Timmy: Ab und zu tauche ich da noch auf und spiele. Ich übe dann die neuen Songs heimlich. Wir haben unser Video auch in dem Irish Pub gedreht.

 

Mostly Harmless: Wofür würdest du mitten in der Nacht aufstehen? Kind zählt nicht.

Timmy: Ich würde nicht dafür aufstehen [lacht]. Zum Pinkeln. Für meinen besten Freund, der ist Amerikaner. Durch die Zeitverschiebung, acht Stunden nach hinten, dafür stehe ich regelmäßig morgens um vier auf. Dann klingelt das Handy und wir wissen alle wer dran ist. Ansonsten so für alles Mögliche. Ich bin nicht so der Typ, der nachts nicht aus dem Bett kommt.

 

Mostly Harmless: Auf was könntest du in deinem Leben nicht verzichten?

Timmy: [lange Denkpause], puh auf was könnte ich nicht verzichten, gute Frage. Freundschaften, auf meine Freunde. Ich habe einen sehr kleinen Freundeskreis. Wenn da einer wegfallen würde, das wäre sehr hart. Mit allem anderen könnte ich mir eine Alternative überlegen um irgendwie auch glücklich zu werden. Ich bin ungern allein zum Beispiel, ich bin kein Typ, der alleine in den Urlaub fährt und das genauso genießen könnte, wie wenn ein Kumpel dabei ist. Die Partnerschaften im Leben sind für mich sehr wichtig, ich habe überhaupt keinen Bezug zu materiellen Dingen.

 

Mostly Harmless: Könntest du auf die Musik verzichten?

Timmy: Zum Machen oder zum Hören?

 

Mostly Harmless: Zum Machen.

Timmy: Wenn es sein muss ja. Bevor ich auf die Partnerschaften verzichten müsste, könnte ich auf die Musik verzichten. Ich könnte mir vorstellen Bücher zu schreiben oder Filme zu machen. Musik ist schon immer ein Bestandteil, der mich begleitet, ich habe auch nie einen Plan B gemacht. Natürlich machst du dir Gedanken, wenn du in die Profiliga einsteigst, was ist, wenn du Kehlkopfkrebs hast oder du kannst nicht mehr Gitarre spielen. Das sind Fragen, mit denen habe ich mich beschäftigt. Ich sage dann, ok das Leben würde trotzdem weitergehen. Es ist nicht so, dass ich sage: "Musik machen ist schon ganz nett, ist mir aber nicht wichtig". Ich wüsste, dass es ohne auch geht.

 

Mostly Harmless: Was würdest du denn machen, wenn es nicht mehr geht?

Timmy: Ich habe immer nur Plan A. Ich sage immer, wer einen Plan B hat, der braucht ihn auch. Wenn Plan A nicht funktioniert, dann mache ich einen neuen Plan A. Eins nach dem Anderen. Grundsätzlich sehe ich mich als kreativen Menschen, mir fällt dann schon irgendwas ein. Rock´n´Roll ist für mich ein Ausdrucksmittel, von dem was ich bin. Ich bin kein Musikfreak, ich bin auch kein Supertalent. Wenn das nicht mehr ginge, würde ich mir einen anderen Weg suchen mich auszudrücken.

 

Mostly Harmless: Ihr habt neulich im Flugzeug spontan ein Ständchen gegeben, wie kam es dazu?

Timmy: Die Crew war einfach so neugierig. Wir waren auf dem Weg zum Festival in UK. Die Crew hat gefragt: "Hier steigen den ganzen Tag Leute mit Gitarren ein und aus, wo geht es denn hin?" Wir haben dann gesagt, großes Festival. Die Crew: "Schade, wir müssen hierbleiben", und da haben wir gesagt: "Wenn Zeit ist, hauen wir euch nachher einen raus". Die waren überrascht, dass wir es wirklich durchgezogen haben. Aber sie haben sich gefreut.

 

Mostly Harmless: Welche Newcomer-Band müsste man eurer Meinung nach mehr Aufmerksamkeit widmen?

Timmy: Es gibt viele Bands, denen ich den Erfolg gönne, allein weil ich weiß wie hart sie arbeiten und wie sehr sie den Rock´n´Roll in ihrem Leben intrigieren bzw. nach dem Rock´n´Roll ihr Leben richten. Wir waren gerade in UK und haben mit unseren Freunden von New Generation Superstars gespielt. Die sind jetzt nicht wirklich new Newcomer, die sind schon länger dabei, aber haben den Durchbruch noch nicht geschafft. Das sind so herzensgute Jungs, die ihr ganzen Leben lang schon Rock´n´Roll machen und immer gerade an der Grenze zum Durchbruch langschlittern. Ich würde es ihnen absolut gönnen. Aber ich gönne es jedem, der sich den Arsch aufreißt. Ich sag mal boshaft: Von nix kommt nix. Wer sagt, er nimmt ein Demo auf und macht zwei Fotos, sendet die an eine Plattenfirma, bekommt dann einen Major-Deal und spielt nur noch Rock am Ring und macht die Festhalle voll. Der hat hier nichts verloren.

 

Mostly Harmless: Vielen Dank für das Interview. Wie immer freuen wir uns am Ende auf dein Ständchen.

Timmy: Sehr gerne, ich hole schnell meine Gitarre.

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