Hallo Philipp, 

 

danke schön, dass du dir Zeit nimmst, unsere Fragen zu beantworten.

 

Dieses Jahr ist viel los bei euch: die Veröffentlichung des Rivalen & Rebellen Albums, eure Arena Tour, das Alpen Flair, ein USA Trip und auf dem neuen Festival Rock dein Leben habt ihr auch gespielt. Und nun: Ruhe. Aber wir werden versuchen, es aus euch raus zu kitzeln. Fangen wir mal sachte an

 

Mostly Harmless: Ihr habt im März dieses Jahres euren neues Werk „Rivalen & Rebellen“ auf dem Markt geworfen. Habt ihr mit solch einem Erfolg gerechnet?

Philipp: Gehofft haben wir es, gehofft! Im Grunde haben wir alles in unserer Macht Stehende getan, diese neuen Lieder einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Wir lieben es vom ersten bis zum letzten Ton, und hatten schon vorm Release ein verdammt gutes Gefühl. Ich meine, was sollte passieren? Die Lieder waren gut, gute Texte, guter Sound, viele neue Stile und Instrumente, all das schafft immer Zuversicht. Nach jetzt fast 18 Jahren Bandgeschichte hat man schon ein gewisses Gefühl dafür, was was kann und was nicht. Wir glaubten einfach fest daran, dass alles gut gehen würde, und so kam es dann auch. Vor allem in Zeiten in denen ähnlich bekannte Bands einen Bruchteil an Alben verkaufen, ist dieses Werk ein Meilenstein für uns. Es beinhaltet so unfassbar viele Themen, die uns am Herzen und auf der Zunge liegen. Das Album hat unglaublich viele neue Brücken zu bisher fremden Gedankenwelten geschlagen, die Zeit, die Politik, die Sorgen und Freuden unserer Fans haben uns hier sehr geholfen, den Finger an den richtigen Puls zu legen. 

 

Mostly Harmless: Man hat bei euch immer das Gefühl, ihr könnt machen was Ihr wollt - alle meine Entchen, wäre bei euch wahrscheinlich auch noch Platz 1 in den Charts „schmunzeln“. Ihr erreicht immer die Herzen eurer Fans. Woran liegt das?

Philipp: Ob das so ist, kann ich nicht sagen. Dass wir aber durchaus „funktionieren“ und auch so viel Freude haben, liegt vielleicht daran, dass wir immer genau das machen und singen, was uns auf dem Magen, in der Seele liegt und letztlich auch durch einige Tränen floss. Der Selbstmord von meinem Onkel und unserem Alpen Flair Freund Pepi hat hier sicherlich eine sehr verletzliche und auch offene Flanke gezeigt. Ich denke, die Menschen merken das. Dieser Song und echte Gassenhauer kommen ja erst noch. Jetzt mal ehrlich, man muss nicht alles gut finden was wir machen, wieso auch? Geschmäcker und Meinungen sind zum Glück verschieden. Was man aber anerkennen muss ist, dass Frei.Wild schon fleißiger als die meisten anderen Bands ist. Auch, dass wir stilistisch breiter, textlich mutiger/waghalsiger und in Sachen Dauerbeschuss eine echt hart zu knackende Band sind. Auch das merken die Leute. Unsere Jahr für Jahr stärker werdende „uns im Grunde egal was andere sagen, singen oder machen, wir sind einfach wir und kümmern uns nicht um den Rest“-Mentalität, hat uns jedenfalls sehr geholfen. Jetzt zuletzt bei diesem Album.

 

Mostly Harmless: Die Arena-Touren sind jedes Mal ein voller Erfolg. Aber Ihr reist mittlerweile mit sehr großem Besteck. Ihr habt sogar einen Steg und eine Hebebühne. Wie ist es, auf solch einer Bühne zu stehen? Hat schon ein bisschen BoygroupStyle . (Nicht böse sein, ich bin es ☺).

Philipp: Nun, Boygroups tanzen, sind meistens jünger und sehen somit besser aus, haben fast immer Groupies im Hotelzimmer und sind immer mal wieder in der InTouch. Auf letzteres warten wir noch (lacht). Nein, im Ernst jetzt: Wir haben einfach Lust neues zu probieren, wir waren auch dazu bereit Unmengen an Geld und Zeit zu investieren, um eine neue Bühnenpräsenz zu erfahren. Es ist nicht wirklich unser Ding, immer dasselbe Süppchen zu kochen. Abwechslung, neue Speisen zu kosten und dennoch nie auf das Traditionelle zu verzichten, gefällt uns einfach besser. Wir erfinden, wie jede andere Band auch nicht, diese unvergessliche neue Bühnenwelt, aber wir versuchen uns zumindest nicht zu kopieren. Letzteres ist der Grund, warum ich mache Bands von früher heute grausam und langweilig finde, auch und vor allem live.

 

Mostly Harmless: Was war dein persönliches Highlight der Tour?

Philipp: Für mich ganz klar das Opening in der Olympia Halle München. Ich war tierisch aufgeregt, komplett auf 180 und hatte wirklich zitternde Hände. Ich verstand es nicht wirklich, denn die Proben liefen gut, die Warm-up Shows waren auch super. Also was sollte schon passieren außer 1000en Komponenten, auf die wir wenige bis gar keinen Einfluss hatten. Letzteres war es wohl auch:). Jedenfalls gehen die Lichter und das Intro an, Das Herz pocht noch höher, der Aufzug fährt hoch und das „jetzt gibt es kein Zurück mehr“ Gefühl peitscht mich an. Dieses Gefühl war einmalig und ich habe versucht es mir in sämtlichen weiteren Shows zurück zu holen. Die Tour war ein Traum, vielleicht wegen dieser einen Geschichte in München die ich so und in dieser ausgeprägten Form noch nie zuvor hatte. 

 

Mostly Harmless: Ein Highlight der Tour war für uns, dich auf den Biertischen in Freiburg während der Aftershowparty tanzen zu sehen (das hat sich echt in unsere Gehirnwindungen eingebrannt). So locker hat man dich/euch lange nicht gesehen. Gebt zu, ihr seid es Leid im Backstage eingepfercht zu werden.

Philipp: Nein, alleine unter uns zu sein, ist genau so wichtige wie das Gegenteil. Wir brauchen diese anderen, freien, ausgelassenen Momente inmitten derer die uns diese Chance auf dieses großartige Leben erst ermöglicht haben. Ich meine, bei dieser Antwort müssen wir klar sagen, dass es bei uns nie nur das Eine ODER das Andere gibt. Es ist schön, beides zu haben. Dieses nur schwarz oder nur weiße Gehabe geht uns schließlich auch in allen anderen Facetten des Lebens gegen unsere Meinung und Haltung, warum also nicht alles kosten und genießen? Oder, wie im Fall von Fanatismus, ohne Herz und Verstand samt Beratungsresistenz beides Scheiße finden? Wir lieben jedenfalls jeden Moment dieser Band und erkennen alles, was wir erleben dürfen, dankend an. Wenn das leicht angeschwipste Tanzen und das unvernünftige Schreien dazu gehört, ist es eben Teil der Tour. Jedenfalls hatten wir auch dieses Mal unfassbar schöne Stunden und Erinnerungen. Also let's dance again, wie der Ami sagen würde (lacht).

 

Mostly Harmless: Ihr seid auch in Facebook sehr mitteilungsfreudig hinsichtlich eurer Standorte geworden. Mal ehrlich, wenn du postest, dass du zum Beispiel in München bist, wie viele Fans tauchen dort spontan auf?

Philipp: Verschieden, echt, manchmal kommt keiner, manchmal gefühlt alle. Es kam schon vor, dass wir umsonst nach München, nach Berlin und Frankfurt gefahren sind, und dann am Abend stockbesoffen mit einigen Fans in der Kneipe gesessen haben und den eigentlichen Grund für den Fernbesuch vergessen haben. Am Tag darauf ging es leider alles andere als einfach (lacht).

 

Mostly Harmless: Stillstand scheint ihr nicht zu mögen. Denn ihr seid im Juli kurz entschlossen in die USA geflogen. Ist das ein Teil des Rock n´Roll Traums in den USA zu spielen?

Philipp: Nun, es ist unser Traum, die ganze Welt zu bespielen. Ist das nicht für jeden Musiker irgendwo die fantastische Sache überhaupt immer wieder neue Horizonte zu überqueren? Sie vor allem als Band und Einheit zu erfahren, um dann vielleicht neue Hörscharen zu erobern? Klar, die USA sind und bleiben jedes Musikers Traum, oder zumindest fast jedes. Mir und meinen Kollegen, die ja alle schon mal in den USA waren, lag es jedenfalls sehr am Herzen unsere Fühler nach Übersee auszustrecken und das ist uns, man glaube es kaum, durch einen Zufall gelungen. Wenn man ehrlich ist, hat man ohne Unterstützung von Menschen vor Ort rein gar keine Chance auf Irgendwas, oder man hat es zumindest tierisch schwer,  oder eben eine verdammt leere Geldtasche. Dank einer, oder besser, zwei verschiedener Bier und Gute Laune -Trinkereien beim Harley and Snow Festival in Südtirol, hat sich eine tolle Geschichte entwickelt. Wir verdanken es dem Bier. Ohne Scheiß! Es war das Bier, das uns mit den OCC Leuten zusammengebracht hat. Heute sind wir Freunde mit einem, echt großartigen gemeinsamen Song. Jedenfalls formen sich derzeit konkrete Pläne, diese Reise zu wiederholen, und das mit noch etwas mehr Plan und Struktur.

 

Mostly Harmless: Erzähl uns mehr, vor allem über die lustigen Erlebnisse und Pannen.

Philipp: Ach da gab es viele, die leider oft sehr unterschiedliche Auffassungen von Pünktlichkeit zwischen uns und gefühlt allen Amerikanern, mit denen wir zu tun hatten. Wir waren wahrscheinlich gefühlt jeden Tag mindestens 2,5 Stunden zu früh wach (lacht). Warten kann Spaß machen, selbst bei 35°C am Morgen. Oder die Umstellung durch das Verbot von Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit. Hier ging es schon im Flughafen von New York los, wo wir mit einer ganzen Tasche eisgekühlten Bierflaschen vor dem Flughafen saßen, und auf den guten Flug anstießen. Leider ohne Tüte um die Flaschen, was dann kam, könnt ihr euch denken. Zu vielen weiteren lustigen Erlebnissen mit OCC- Leuten darf und möchte ich gar nichts sagen, es würde uns allen Schaden zufügen (lacht).

 

Mostly Harmless: Let's switch to English: Please tell us more about the song „Herz schlägt Herz “.

Philipp: I don´t understand you, sorry (lacht).

 

Mostly Harmless:  Krasser Break, wenn man wieder von der großen Bühne, inklusive Hebebühne und Steg, auf die Clubzone begrenzt ist und aus dem Händemeer ein Händeteich wird, oder?

Philipp: Sowieso, aber es ist genau diese Dynamik zwischen Groß und Klein, zwischen nah und fern, zwischen bekannt und unbekannt, zwischen Tiroler Küche und Amerikanischem Fast Food und weiteren Gegensätzen, die für uns schon immer wichtig und richtig waren. Nur nach oben darf es nicht gehen, nach unten natürlich auch nicht. Ich meine, natürlich hat alles seinen Preis, seinen Aufwand, seine Erfordernisse und Wünsche auf einen Nenner zu bringen. Ich meine, schau dir diese Band mal an, ich kenne keine einzige andere Band, die auch nur annähernd so viele Musikstile in ihren Liedern hat. Ich kenne auch keine mit so vielen unterschiedlichen Songthemen und einer dennoch so konsequenten Ansichten zu Dingen, die die Welt bewegen. Von den als Band gemeinsam angeschobenen Projekten und Versuchen ganz zu schweigen. Für diese Schiene braucht es ungemeinen Willen und Mut, selbst die Toleranz bei vielen, meist noch jüngeren Fans, wird nicht selten auf die Probe gestellt. Nimm mal das Beispiel Still: Ist eine reine Akustikscheibe das Richtige für eine typische Deutschrockband? Viele würden sagen nein, in unserem Fall gilt ja. War das Projekt Grenzenlos mit mehrsprachigem Gehversuch das Richtige? Ja, auch wenn es nicht jedem gefallen hat. Ist es für eine Rockband cool oder trendy sich zum Beispiel mit den Kastelruther Spatzen auf eine Bühne zu stellen und zusammen auf demselben Festival zu spielen? Auch hier sagen wir ja, dasselbe gilt für unser SKA Album, die England Tour, das Kochbuch, den eigenen Laden, aus unserer Sicht, gelten alle Versuche uns mit und durch diese Band zu verwirklichen, für alles. Frei.Wild hat uns einfach viel geschenkt und genau solche aufgezählten Werke, Projekte und zukünftigen Ziele werden Frei.Wild auch weiterhin begleiten. Dann stehen halt mal auch weniger Leute in einem noch kleineren Club vor uns. Wichtig ist, dass diejenigen die gekommen sind das selbe freudige Gefühl mit nach Hause nehmen, wie wir selber auch. Darum alleine geht es doch. Das ist die Dynamik, die ich angesprochen habe. Es ist spannend bei Frei.Wild zu spielen, das ist wirklich so.

 

Mostly Harmless:  Von den USA ging es ja fast direkt auf das „Rock dein Leben“ Festival. Wie war es für euch? Seid ihr 2019 wieder dabei?

Philipp: Soll ich es dir schlicht und ergreifend in wenigen Worten erzählen?

Das Rock dein Leben war das geilste Festival, das wir in den letzten Jahren gespielt haben. Es hat für uns einfach alles gepasst, wirklich alles. Ich hoffe wir und diese so beflügelnden Menschen sehen uns auch im nächsten Jahr wieder. 

 

Mostly Harmless: Du hast es bereits angesprochen, ihr arbeitet an einem neuen Still Album. Wann kommt es in die Läden? Warum wieder ein Still Album, werdet Ihr alt? *Augenzwinkern*

Philipp: Still und Still tragen nicht zwingend dieselben musikalischen Schuhe, Laut und Laut auch nicht. Stell dir mal vor, wir glauben es ja selber kaum: aber Still bewegt sich unaufhaltsam in Richtung Platin. Still hat uns Menschen nähergebracht, die mit unseren verzerrten und härteren Nuancen rein gar nichts anfangen konnten. Still hat uns eine der relaxten und schönsten Touren überhaupt beschert, zusammen mit großartigen Freunden und Musikern. Still bedeutet, alte Lieder neu einzukleiden, zurück zu reisen an Gedankenorte, die für die Geburt unserer größten Klassiker verantwortlich waren. Und ja, wir nehmen Still 2 gerade auf und sagen nur eines: das wird das viiiiiel lautere Still, dies viel härter Still, und für uns noch viiiiiel bessere Still als Still Part 1. Freut euch, wie wir.

 

Mostly Harmless:  Auf der einen Seite Familienmensch mit großer Ambition in der Landwirtschaft auf der anderen Seite Rampensau. Wie bringst du Rock n´Roll und das bodenständige Leben unter einen Hut?

Philipp: Indem ich diesen Hut einfach größer gestrickt habe und gemerkt habe, dass ich alles brauche. Es hat in diesem Hut auch noch Weiteres Platz, das glaube ich wirklich. Familie steht ja sowieso an erster Stelle, sie ist wichtiger als alles. Die Musik, das Songschreiben, das Produzieren, Freizeit, Lesen, Sport, Angeln, Offroad fahren, Camping. All das mache ich einfach gerne. Es wirft sozusagen immer frisches Licht in meine Seelenwände und schenkt gute Laune. Irgendwo ist alles geil und all das entspannt mich auf seine eigene ganz besondere Weise, wenn ich mir mal wieder denke: "Junge, schalt einen Gang zurück". Ich denke einfach, wir alle leben genau ein einziges Mal, ich glaube später werde ich wirklich zu mir sagen können: "Philipp, das hast du alles ziemlich gut hinbekommen, wenn auch viel Scheiße, Fehltritte und Blödsinn dabei waren, die du hättest lassen können". Dafür kann ich mir gut und gerne vergeben. Das Leben zu leben, darauf zielt die Zeit, die wir atmen, zumindest für mich selber ab.  

 

Mostly Harmless: Wir hatten in der Vergangenheit mal so eine Umfrage betreffend einer "Revival Ladiesnight" gestartet, welche auch große Zustimmung fand.  Steht hier was bei euch an? Wann und wo? Wir tragen es gleich in unseren Kalender ein (lacht).

Philipp: Wenn du Kai dabei hilfst, es zu organisieren, sind wir am Start. Versprochen. Wir und mindestens 2000 Brüste, gezählt werden nur die von Frauen (lacht).

 

Mostly Harmless:  Im Netz wird bereits gemunkelt, dass es eine Herbsttour geben wird. Stimmt das? Wenn ja wann und wo?

Philipp: Ach im Netz wird so viel gemunkelt. Lass auch du mal Geduld walten, bist ja schlimmer als ich (lacht). Sagen wir es so, wir haben noch viele, viele, viele Ziele dieses Jahr und Konzerte gehören auch dazu. Wehe du/ihr und alle die das lesen kommen nicht. So, und nun muss ich wieder ins Studio, ich schreibe einen Song über neugierige Menschen, erkennst du dich Alex? (lacht).