Mostly Harmless: Wir sind heute in Aschaffenburg bei Schnitzer und Ande von Kissin` Dynamite. Hallo ihr beiden, ihr seid seit knapp zwei Wochen auf Tour, spielt heute Abend eure siebte Show. An was werdet ihr euch definitiv nach der Tour erinnern?

Ande: Bei mir ist es die innere Freude darüber, dass es auf dieser Tour viele Sold Outs im Voraus gab.  Da geht es mir darum, dass die Leute begriffen haben, dass man Tickets im Voraus kaufen sollte und nicht zu warten bis zum Showtag, um dann verzweifelt festzustellen, dass es keine Tickets mehr gibt.

Schnitzer: Alle kommenden Dates in Deutschland sind sold out, himmlischer könnte es nicht sein. Was ich auch nicht vergessen werde, ist die Show in Berlin. Wie es da abgegangen ist war immens. Vor allem wenn man bedenkt, wie es sonst in Berlin ist.

 

Mostly Harmless: Wieso, was war dieses Mal anders?

Schnitzer: Berlin ist normalweise sehr reserviert, da es in Berlin jeden Tag was zum Gucken gibt. Da muss schon etwas Intensives passieren, damit dort jemand begeistert ist. Es war mit dem frenetischsten Publikum bei der Tour bisher.

Ande: Das unterschreibe ich. Das war schon echt bemerkenswert.

Mostly Harmless: Ist doch geil.

 

Mostly Harmless: Wenn ihr tourt, wie oft ändert ihr die Setlist während einer Tour?

Schnitzer: Es gibt Bands, die ändern sie jeden Tag, wir ändern sie nicht ein Mal. Wir legen die Setlist vor der Tour fest und dann bleibt sie die ganze Tour gleich.

Mostly Harmless:  Wenn ihr aber merkt, dass irgendein Song nicht gut ankommt heißt es dann: egal, der wird trotzdem gespielt?

Schnitzer: Nein, dass jetzt auch nicht. Bei der Powerwolf-Tour haben wir einen Song ausgetauscht – aber ich weiß gar nicht mehr warum. Wir haben unseren Spannungsbogen und unseren Ablaufplan, so spielen wir das dann jeden Abend.

 

Mostly Harmless:  Wer legt denn die Setlist fest?

Ande: Wir alle zusammen, das passiert beim Proben. Wir haben eine Vorstellung von dem, was wir machen wollen, und dann ergibt es sich einfach. Zum Thema Setlist: Ihr müsst das Ganze wirklich als Show sehen. Es ist eine Show, wie wenn du in ein Musical gehst, die Darbietung ist einstudiert und da werden auch keine Lieder geändert. Es ist eine professionelle Tour und Show, die in jeder Stadt möglichst gleich stattfinden soll. Die Fans sollen sich nicht ärgern, dass wir in einer Stadt etwas gespielt haben und in der anderen nicht.

 

Mostly Harmless:  Habt ihr die Choreo mal geändert zu dieser Tour? Die ist ja seit Jahren gleich.

Schnitzer: Meinst du die Pyramide? Oder was meinst du genau?

Mostly Harmless:  Ja, zum Beispiel.

Schnitzer: Die gehört inzwischen dazu, die wird nicht geändert. 😊

Ande: Aber wir haben die Choreo in Sachen Bühnenbild – wo es möglich ist – vergrößert. Wir haben mehr Ebenen, auf die man gehen kann. Ich glaub der höchste Punkt auf der Bühne ist 2 Meter. Das Problem in Aschaffenburg ist, dass die Decke zu tief ist für unsere neue Bühne. Wir hätten auch gerne Feuer gemacht, kriegen wir hier aber keine Genehmigung.

 

Mostly Harmless: Dann müsst ihr in Frankfurt spielen, da darf man Feuer machen – Batschkapp, Festhalle.

Schnitzer: Wir geben immer alles, auch showtechnisch.

 

Mostly Harmless: Seit dieser Tour bietet ihr den Fans durch VIP Tickets ein paar Extras. Im Netz hat das nicht nur zu positiven Reaktionen geführt. Wie ist eure eigene Meinung dazu? 

Schnitzer: Das ist ein schwieriges Thema, und das ist uns auch bewusst. Aber die Realität ist die, dass wir nach der Show ins Backstage kommen und die Veranstaltung beendet ist. Es ist schwer möglich, in der Größe, die es inzwischen angenommen hat, nochmal raus zu kommen. Wenn die Fans vorm Bus oder so stehen, geben wir natürlich weiter Autogramme.

Ande: Diese VIP-Geschichte ist klar ein strittiges Thema. Letztendlich haben wir es einmal promotet und dann nie wieder, nachdem es den Shitstorm gab. Interessant ist aber, dass es doch angenommen wird. Die die es machen, finden es eine super Sache und die Meinungen, die ich gehört habe - dass ist nicht meine Meinung, sondern wirklich die der Leute, mit denen ich gesprochen habe – fanden es gut. Für die, die es nutzen möchten ist es eine gute Sache.

Schnitzer: Das heißt aber noch lange nicht, dass wenn wir woanders Fans über den Weg laufen, keine Autogramme mehr geben. Aber das VIP-Angebot ist eine andere Qualität. Sie bekommen ein Goodibag mit verschiedenen Sachen drin, wir schnacken in aller Ruhe mit den Leuten, das wäre sonst einfach nicht möglich. Nach einem Gig muss man erst mal runterkommen und dann werden die Leute auch schon rausgeschmissen. Das ist einfach viel Stress.

 

Mostly Harmless: Viele Bands machen inzwischen Aftershowparty mit Locationwechsel, wäre das nicht was?

Ande: Ist auch eine Idee klar, aber auch ein riesiger Aufwand das zu organisieren. Du musst eine andere Location finden, dann anfragen, die müssen mitmachen, und und und. Das macht es unnötig kompliziert.

 

Mostly Harmless: Wie viele Fans waren denn im Durchschnitt da?

Ande: Warte wir haben da eine Statistik, aber die habe ich jetzt nicht da.

Schnitzer: So eine Handvoll waren ca. immer da. Es war immer sehr entspannt.

Ande: Es gab auch mal eins zwei Ausreißer nach oben, aber das war die Ausnahme.

 

Mostly Harmless: Würdet ihr selbst – bei einer Band, die ihr gerne hört – das Geld für ein VIP-Ticket ausgeben?

Schnitzer: Je nachdem wer es ist, mittlerweile sind wir eher Kollegen. Aber es gibt natürlich immer noch die Heros und da würde ich es machen. Da bin ich einfach nach wie vor Fanboy.

Ande: Ich würde es nicht machen.

 

Mostly Harmless: Echt nicht? Warum?

Ande: Ich bin dafür zu wenig „Fan“. Ich finde Bands cool, was ja auch bekannt ist – wie ACDC, Maiden und so. Die machen auch geile Musik, aber ich habe nicht das Bedürfnis die Typen, um jeden Preis persönlich zu treffen. Wenn es sich ergibt, weil man zusammen auf einem Festival spielt, klar würde ich „Hi“ sagen, aber für ein VIP Ticket bin ich zu wenig „Fanboy“ zu. Der macht seinen Job genauso wie wir, der Bäcker und der Metzger von neben an. So sehe ich das.

 

Mostly Harmless:  2018 ist bei euch Einiges los gewesen, neues Album, Tour mit Powerwolf, Labelwechsel, die Auszeichnung als „Best German Band“ – wie wollt ihr das dieses Jahr toppen?

Schnitzer: Das wird nicht gehen, es wird anders dieses Jahr. Der Erfolg des Albums wird nun betourt.

Ande: Dieses Jahr können wir dann sagen, wir haben x Shows gespielt, viele Menschen glücklich gemacht und Sold Outs gehabt – ohne jegliche Auszeichnung.

 

Mostly Harmless: Das weißt du doch noch gar nicht, vielleicht gibt es wieder eine Auszeichnung.

Ande: Ja, man weiß es nicht. Ein Echo würde ich auch nicht zurückgeben.

 

Mostly Harmless: Mit Ecstasy seid ihr auf Platz 7 der Charts eingestiegen. Fühlt ihr euch durch Sony besser promotet oder woran lag es?

Schnitzer: Ich bin grundsätzlich der Meinung, man muss die richtige Reihenfolge einhalten. Das Wichtigste ist die Qualität des Produktes, und da haben wir was geleistet. Da sind wir stolz drauf. Wir haben uns von gedanklichen Zwängen frei gemacht, das war bei der Megalomania so, bei Generation Goodbye hatten wir das etwas reduziert, aber jetzt bei Ecstasy war das komplett, ohne voreingenommen zu sein – bring back Stadium Rock - ob Old School oder new School, ist uns egal. Wir machen worauf wir Bock haben. Das ist der erste wichtige Punkt, warum eine Platte Erfolg hat. Der Zweite ist, wie sie promotet wird und da hat Sony einen super Job gemacht. AFM hat in der Vergangenheit auch einen guten Job gemacht. Es ist schwierig zu sagen, woran es genau lag. Wir haben auf jeden Fall nach den drei Alben bei AFM frischen Wind gewollt, obwohl wir zufrieden waren.

 

Mostly Harmless: Habt ihr mehr Zwänge durch das neue Label? Wie: es wird zum Bespiel der Jacky vom Rider gestrichen.

Schnitzer: Nein, je mehr Platten verkauft werden, desto mehr Jacky gibt es.

Mostly Harmless: Wird auf andere Dinge geachtet, müsst ihr euch irgendwo einschränken?

Ande: Nein gar nicht, das Schöne bei dem Songwritingprozess war, dass wir dabei labellos waren. Das heißt: Es gab keine Zwänge hinsichtlich „wir machen jetzt ein neues Album“ und „das ist der Veröffentlichungstermin“. Sowas gab es einfach nicht, wir wussten nicht mal ob es überhaupt wieder ein Label geben würde. Wir haben einfach die Songs so geschrieben, weil wir Bock draufhatten.

Schnitzer: Bevor wir bei Sony unterschrieben hatten, hatten wir schon ein Großteil des Albums geschrieben.

Ande: Das ist, glaub ich, auch ein Punkt warum es erfolgreich ist: es konnte einfach passieren.

 

Mostly Harmless:  Apropo Veränderung: seid eurer Gründung gab es bei euch keinen Wechsel bei KD, was glaubt ihr, ist euer Geheimnis?

Ande: Never change a winning team.

Schnitzer: We are the best, fuck the rest. Ok, ernsthafte Antwort. Das stimmt, da sind wir auch sehr stolz drauf. Natürlich haben wir schwere Zeiten gehabt, wo der eine oder andere auch schon mal aussteigen wollte, aber durch Kommunikation und jahrelange, gewachsene Freundschaft – auch wenn es kitschig klingt, es ist so – haben wir alles zusammen durchgestanden. Wir sind dadurch stärker geworden.  Das wollen wir uns auch solange es geht bewahren.

Ande: Wir haben eine Beziehung, und das ist eine relativ arbeits- und liebesintensive Beziehung, und warum? Weil es fünf Menschen sind, fünf Individuen. Es gibt viele Menschen, die können noch nicht mal zu zweit. Beziehungen kommen und gehen, was an sich erstmal nichts Schlechtes ist. Aber ich finde in unserer Zeit wird zu schnell aufgegeben. Die Leute reden zu viel übereinander, anstatt miteinander. Wir wissen was wir aneinander haben und das ist Kissin` Dynamite.

 

Mostly Harmless:  Was wäre denn, wenn einer sagen würde: „Ich habe kein Bock mehr, ich bin raus“. Wäre, dass das Ende von KD?

Ande: Sehr gute Frage wie ich finde, weil mir ging es immer so, dass ACDC eine dieser Last man Standing Bands war, die es ohne Changes hinbekommen hat – übernatürliche Dinge lassen wir mal aus. Die waren immer ein eingeschworener Haufen und ich bin vom Glauben abgefallen, was da jetzt jüngst passiert ist: Drummer raus, dann spielt man mit einem anderen. Malcon kann nicht mehr, dann gibt es halt einen neuen Gitarristen. Das hat für mich die Band entmystifiziert. Klar ist die Mukke nach wie vor cool, aber das fand ich echt schade. Ehrlich gesagt, möchte ich dir keine Antwort geben, weil das für mich so weit weg ist und einfach nicht in Frage kommt.

 

Mostly Harmless: Ihr solltet das auch nicht machen, ihr gehört zusammen. Jungs, das wars. Die letzten Worte gehören euch.

Schnitzer: Let’s bring back Stadium Rock.

Ande: Das klingt so negativ, die letzten Worte. Ich will ja heute nicht sterben. Ich fand bring back Stadium Rock sehr passend.

Mostly Harmless: Vielleicht: „kauft noch ganz viele Karten“.

Schnitzer: Und T-Shirts und Patches und Ohrringe, wir haben jetzt Ohrringe.

Ande: Die Menschen sind auf einem guten Weg, sich wieder für gute und handgemachte Musik zu interessieren. Danke dafür.

Schnitzer: Halleluja.