Mostly Harmless: Hallo! Vielen Dank, dass ihr beide euch heute bei der Still & Laut Tour Zeit genommen habt. Warthy, wir hatten dich angefragt, weil wir gerne mehr über deinen Job erfahren möchten. Du wirst immer als Studiomusiker bezeichnet, aber wir kennen uns bereits aus Zeiten als du noch auf der Bühne standest.

Warthy: Ja, mit Evidence One. Ich habe früher, wie jeder andere Musiker, angefangen Musik zu machen, weil ich eigene Songs schreiben und auf der Bühne stehen wollte und um das den Leuten zu präsentieren. Aber irgendwann hat sich das dahingehend entwickelt, dass ich das auch für andere machen konnte. Ich habe immer viel in Studios gesessen und irgendwann war dann der Weg klar. Das hatte ich damals aber nicht so bewusst auf dem Schirm. Es ging dann irgendwann los mit der Studiogeschichte und es hat sich eigentlich so entwickelt, dass ich nichts Anderes mehr mache und kaum noch live auf der Bühne spiele. Das ist aber auch gar nicht schlimm. Es macht Spaß, wenn man das ab und an mit guten Freunden macht.

 

Mostly Harmless: Apropos gute Freunde: Ihr seid bei der Still 2 Tour auch zusammen unterwegs gewesen. Wie ist es für dich, wenn du zwischen den zwei Dingen hin und her switcht? Lange nicht auf der Bühne gewesen und dann: zack raus!

Warthy:  Ich sage immer, man kommt mal raus aus der Butze. *alle lachen*.

Tatsächlich ist der Unterschied, dass, wenn man an Alben arbeitet, der Applaus, die Verkäufe oder die Reaktion bei Amazon ist. Da steht dann, ob sie es mögen oder nicht. Das ist der indirekte Applaus, den man bekommt. Auf der Bühne ist der Unterschied: du spielst die Songs, man spürt sie anders und man hat das direkte Feedback von den Leuten. Das ist natürlich organischer und auch geiler, das muss ich ganz klar sagen. Man sieht die Augen leuchten, die Leute singen mit. Das ist eine ganze andere Intention als wenn ich Zahlen lese. Ist Beides cool, eine schöne Abwechslung. Ich bin deshalb auch nicht aufgeregt.

Mostly Harmless: Nicht?

Warthy: Nein, null. Ich freu mich darauf. Ich muss aber auch dazu sagen, ich habe so viele Konzerte gespielt, allein mit Justice so um die 800, da bin ich nicht mehr aufgeregt, wenn ich auf die Bühne gehe, ich freu mich nur auf das was da kommt.

Mostly Harmless: Also alter Hase auf der Bühne.

Warthy:  Naja, ich bin 47.

 

Mostly Harmless: Marco, woher kennt ihr beiden euch?

Marco: Wir kennen uns durch Frei.Wild. Wir sind ungefähr zum gleichen Zeitpunkt zur Band gekommen.

Warthy: Ja.

Marco: Das war 2009.

Mostly Harmless: Warum kennen wir uns nicht?

Marco: Keine Ahnung.

Mostly Harmless: Ich bin schon relativ früh bei Frei.Wild dabei gewesen. Warst du eher im Hintergrund?

Marco: Ich habe seit Gegengift immer mitgemacht, aber eher am Piano und so. Viel mehr Einsatz hatte ich bei Still 1.

Mostly Harmless: Ok, bei Still 1 war ich nicht so dabei.

Marco: Und dann immer wieder, bei 15 Jahre Frei.Wild, Still 2 und Wuhlheide war ich auch dabei.

Warthy: Wir waren beide bei der Still 1 Tour komplett dabei.

 

Mostly Harmless: Was fasziniert euch beide an Frei.Wild, die oftmals mehr negativ wie positiv – auch musikalisch – bewertet werden?

Marco: Ich denke die Leute verschwenden zu viel Zeit, um über irgendwelche schlechten Texte von Frei.Wild zu reden. Ich habe noch Keinen gefunden, der sich richtig mit der Musik auseinandergesetzt hat. Ich denke die Produktionen sind immer besser geworden und ich habe keine musikalische Kritik gesehen, eher auf anderer Ebene. Mit dieser Kritik bin ich nicht einverstanden, sonst wäre ich nicht hier.

Warthy: Das, was Frei.Wild ausmacht, sind die Attitüde, die Texte, die Inhalte, die sie singen, und es gibt Leute, die das nicht mögen. Wir können da sehr gut mit leben, denn sie sagen einfach was sie denken und das sollte in der Demokratie auch gestattet sein. Es gibt Menschen, die sagen, dass die Texte nicht toll sind und für die ist die Musik dann auch doof. Aber eigentlich hat beides nichts miteinander zu tun.

Mostly Harmless: Das ist wohl wahr.

Warthy: Und das ist das Ding. Wie Marco schon sagte, sie setzen sich eigentlich weniger mit der Musik auseinander, sondern eher mit den Texten und haben dann Vorurteile, aber so ein richtiges musikalisches Kritikdingen gibt es nicht. Ich habe zumindest nichts mitbekommen.

Marco: Ja, ich habe auch nirgendwo gelesen, dass die Songs schlecht produziert sind oder der Klang schlecht ist. Keiner von diesen Menschen ist wahrscheinlich auf einem Konzert gewesen.

Warthy: Wahrscheinlich.

Marco: Oder kennen die Leute nicht so persönlich, wie wir sie kennen.

Warthy: Genau, wir sind schon lange dabei und es gab auch damals Diskussionen, ich habe mich damit auseinandergesetzt, habe mit Philipp gesprochen und mir die Texte durchgelesen. Ich habe nichts gefunden wo ich sage: „Was ist da bitte das Problem?“. Jeder kann seine Ansichten haben und so weiter, aber Vorurteile finde ich nicht gut und ich finde es auch nicht gut, wenn man Leute ein Leben lang verurteilt.

Mostly Harmless: Das ist wohl wahr. Da hat er echt schlechte Karten.

Warthy: Das ist einfach das Ding. Deshalb sollte man da einfach eine Chance geben - manche machen das, manche nicht. Aber oftmals ist es so, wenn sie die Jungs mal getroffen haben, dass es dann gar nicht so ist, wie man es erwartet hat.

Mostly Harmless: War da nicht bei der Still Tour irgendein Stadtrat?

Warthy: Ja, das habe ich gelesen, und zwar von der CDU – war der in Zwickau oder in Suhl? Ich glaube in Zwickau. Er hat sich Frei.Wild angeschaut und eine Woche davor oder danach Feine Sahne Fischfilet und dann hat er ganz neutral darüber berichtet. Man kann es gut finden oder auch nicht, für ihn ist es ok. Es ist halt einfach Kunst und Kunst sollte man einfach so sein lassen wie sie ist. Da sollte man auch kein Riegel vorschieben und sagen: Das geht nicht. Es gibt natürlich gewissen Grenzen, wie Begrifflichkeiten, die drüber sind. Aber das kann ich bei Frei.Wild nicht finden.

Mostly Harmless: Habt ihr irgendwelche Probleme mit euren anderen Projekten, dadurch das ihr für Frei.Wild arbeitet? Du Warthy hast ja gefühlte 1.900 Projekte am Tag.

Warthy: Damit hast du die Frage schon selbst beantwortet.

 

Mostly Harmless: Aber musst du drüber diskutieren? Nur weil es ein Problem ist, heißt das nicht gleich, dass man den Auftrag nicht bekommt.

Warthy: Nein, muss ich nicht. Da geht es ums Handwerk, um die Musik und nicht um das was die Jungs machen. Es ist das Gleiche wie immer, das hat nichts miteinander zu tun.

Mostly Harmless: Marco und bei dir?

Marco: Ab und zu ist es schon passiert, dass Leute fragen: „Warum spielst du bei Frei.Wild?“ Dann sage ich: „Hast du dir vielleicht meine letzte Cembalo CD gekauft, auf der ich Bach spiele oder hast du dir vielleicht die letzte CD gekauft, auf der ich diese wundervolle Bruhns Kantaten spiele?“

Mostly Harmless: Was sind Bruhns Kantaten?

Marco: Bruhns ist ein Komponist.

Mostly Harmless: Ahhh, ok.

Marco: Der ist Unbekannt. Die Leute sprechen mich an, weil sie sehen, dass ich bei Frei.Wild spiele und nicht, weil ich aus der klassischen Ecke komme. Sie verfolgen nicht was ich mache, sondern nur, wenn ich was mit Frei.Wild mache und dann haben sie Fragen oder wollen etwas wissen. „Aber interessiert dich wirklich was ich mache? Dann höre dir auch die anderen Sachen an.“ und da sagen sie normalerweise nichts mehr, danach haben sie keine Argumente mehr.

 

Mostly Harmless: Warthy, ein Teil der Projekte hast du vor Kurzem auf Facebook gepostet. Mit den Projekten hattest du verschiedene Platzierungen erreicht. Was ist das Projekt, auf dessen Platzierung Du am stolzesten bist?

Warthy: Am Stolzesten ist schwer zu sagen, weil das unterschiedliche Beziehungen sind. Wenn ich mit Frei.Wild etwas erreiche, dann ist das natürlich viel enger, als bei jemandem bei dem ich nur einen Spieljob mache. Bei Frei.Wild baue ich die Musik. Ich kreiere mit und gebe der Sache ein Gesicht mit, da bin ich ungleich stolz drauf. Im Laufe der 10 Jahre in der Marco und ich dabei sind, ist das ganze Baby gewachsen. Hätte mir damals einer erzählt, dass wir solche Hallen spielen, hätte ich es nicht geglaubt. Deshalb ist man natürlich umso stolzer, bei dieser Geschichte mit zu machen. Da bin ich natürlich stolzer als bei einem reinen Spieljob. Aber auf der anderen Seite, wenn ich es rein als Geschäft sehen möchte, dann sind natürlich andere Sachen, die sich gut verkaufen, auch schön. Dann werden natürlich andere Leute darauf aufmerksam und das ist hilfreich. Aber vom Inneren her muss ich sagen, dass ich bei Frei.Wild stolzer bin, weil ich viel enger drin bin in der Geschichte.

 

Mostly Harmless: Viel enger, auch von der Freundschaft her.

Warthy: Das hat sich dadurch ergeben. Erst war es nur eine Empfehlung vom Alex Lysjakow, der das Thema bereits seit 2007 oder 2008 begleitet. Dann hat sich das entwickelt. Es wurde von der Zusammenarbeit immer enger und das Team wurde größer. Es entwickelt sich automatisch eine Freundschaft, wenn man sich versteht. Versteht man sich mit jemandem nicht, kann man mit demjenigen auch nicht arbeiten. Das macht keinen Sinn, denn es soll Musik bei rauskommen, die schön ist. Man kann diskutieren und streiten, das gehört dazu, aber das passiert auf einer respektvollen Ebene. Wenn man jemanden mag und Respekt hat, dann wird das Produkt besser als wenn, ich sag mal, Zickenkrieg herrscht. *lachen* Da hätte ich keine Lust drauf, das wäre Energiesaugerei, das würde ich auch nicht machen. Obwohl, den Marco kann ich gar nicht leiden.

Mostly Harmless: Also ich habe über Marco schon viel gehört aus den Frei.Wild-Reihen:  Du bist immer sehr sehr lustig, hast immer einen Spruch auf den Lippen.

Marco: Ich kann die Klappe nicht halten.

Mostly Harmless: Jetzt habe ich es so schön umschrieben… Aber dafür bist du heute sehr ruhig.

Marco: Ich bin eher ruhig, außer in Gesellschaft von Freunden. Es sind immer schöne Momente, da ist es auch etwas lustiger als sonst. Obwohl ich 10 Jahre jünger bin als Warthy, kann ich nachvollziehen was er meint. Ich arbeite gerne in verschiedenen Projekten, aber nur mit Leuten, mit denen ich mich gut verstehe, ich denke das ist wichtig. Es muss auch menschlich passen, nicht nur musikalisch. Du willst nicht mit negativen Leuten arbeiten oder mit Leuten, die du nicht schätzt.

 

Mostly Harmless: Heute ist erst einmal euer letztes Konzert, vor allem mit Frei.Wild. Es geht in die Pause.

Marco: Vorrübergehend

Warthy: Erst einmal Pause.

Mostly Harmless: Wie ist das vorrübergehend gemeint?

Marco: Es wird noch Konzerte geben mit Frei.Wild.

Warthy: Normalerweise machen die Jungs das zu viert, wir sind nur immer mal dabei.

Mostly Harmless: Ja, aber ihr arbeitet auch hinter den Kulissen miteinander.

Warthy: Ja, eigentlich sind wir nur hinter den Kulissen tätig. Es ist nicht üblich, dass eine Band ihr Produktionsteam auf die Bühne holt. Das hat man eigentlich so nicht, das ist kein Standard. Aber das ist bezeichnend für den ganzen Haufen. Es ist eine Selbstverständlichkeit für die Jungs.

Marco: Dass wir auch so viel Raum und Aufmerksamkeit bekommen.

Warthy: Ja, genau.

Marco: Das ist natürlich schön, aber überhaupt nicht üblich.

Warthy: Ja, das ist nicht üblich. Wir sehen es nicht als selbstverständlich an, aber für die Jungs scheint es selbstverständlich zu sein.

Mostly Harmless: Aber das sind auch alles liebe Jungs.

Marco / Warthy: Ja total.

 

Mostly Harmless: Zum Abschluss: Was war euer Highlight von diesen Touren?

Warthy: Das Highlight von den ganzen Konzerten meinst du?

Mostly Harmless: Ja.

Warthy: Die Großen sind natürlich imposanter. Aber die Energie ist dieselbe, man macht und tut und freut sich, wenn es ein Feedback gibt. Tatsächlich ist es für mich so: wenn ich vor 100 Leuten spiele und diese sind dabei, ist das genauso geil, wie wenn da 10.000 sind. Hauptsache sie sind dabei.

Mostly Harmless: Hauptsache die Vibes kommen.

Warthy: Genau, das ist elementar. Darum geht es in der Musik, nicht mehr und nicht weniger.

 

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    photo by mattiamariottiphoto

 

Marco: Der freiwillige Stagediving von gestern.

Warthy: Gut das ist unschlagbar.

Mostly Harmless: Wer war’s? Ich habe nichts mitbekommen.

Marco: Ich. Ich musste oder besser durfte.

Mostly Harmless: Das erste Mal? Niemals!

Marco: Das erste Mal.

Warthy: Er spielt sonst in Kirchen, da macht man das nicht.

Mostly Harmless: Er war bestimmt schon auf wilden Konzerten.

Marco: So, wie gestern …, ich schick dir ein Bild (siehe Foto).

 

Mostly Harmless: Wollt ihr noch was sagen?

Warthy: Nein, wir haben nicht so die Message an die Menschheit.

Mostly Harmless: Vielleicht einen guten Rutsch?

Warthy: Ja, das kann man machen. Guten Rutsch ins neue Jahr.

Marco: Alles Gute an die Frei.Wild Fans, obwohl es 2020 kein Frei.Wild Konzert gibt.